HOSI Linz Presseaussendungen
Selbstmord eines schwulen Jugendlichen erschüttert
23.09.2011 09:00
Auch in Österreich wird fast jeder
dritte Suizidversuch von Homosexuellen begangen
HOSI Linz sieht massiven Handlungsbedarf
im Bildungs-, Gesundheits- und Sozialbereich
Der Selbstmord des 14-jährigen US-Schülers
Jamey Rodemeyers schockiert die Welt. Der Teenager, der sich erst vor kurzem
als schwul geoutet hatte, fand scheinbar bei niemandem ein offenes Ohr, obwohl
er in seinem Blog immer wieder darüber klagte, dass er von seinen
MitschülerInnen gemobbt werde. Am letzten Sonntag wurde die Leiche des
14-Jährigen aus Buffalo im US-Bundesstaat New York vor seinem Haus gefunden.
Zuvor schrieb der Teenager in seinem eigenen Mikro-Blog auf der Plattform
„Tumblr", dass er in der Schule gemobbt werde, aber sich niemand dafür
interessierte. „Ich sage immer, dass ich gemobbt werde, aber keiner hört mir
zu. Was muss ich tun, dass mir jemand zuhört?", so der Eintrag von Jamey vor
elf Tagen.
Darauf folgten Antworten von anderen
UserInnen wie „Jamey ist dumm, fett, hässlich und schwul! Er muss sterben!",
oder „Mir wäre es völlig egal, wenn du stirbst! Jedem wäre es egal! Also mache
es!". Letzten Samstag postete der 14-jährige Lady Gaga-Fan eine Textzeile aus
dem Song „The Queen" auf seiner Facebook-Seite: „Vergesst mich nicht, wenn ich
weinend zur Himmelstüre schreite."
Gernot Wartner, Vereinssprecher der
HOSI Linz, zeigt sich erschüttert. „Es ist unglaublich, dass niemand auf die
Hilferufe des Schülers reagiert hat. Und was mich noch viel mehr betroffen
macht, ist die Tatsache, dass so etwas nur allzu oft passiert."
Fast jeder dritte Suizidversuch in
Österreich wird von homosexuell orientierten Menschen begangen.
In der Mehrzahl der bisher veröffentlichten
Studien zur psychosozialen Situation Jugendlicher war das spektakulärste
Ergebnis meist eine erschreckend hohe Suizid(versuchs)rate bei schwulen
Jugendlichen. In Deutschland sorgte im Jahr 2000 eine Studie der
Senatsverwaltung in Berlin für Aufsehen, wonach 18 % von 111 befragten Schwulen
bereits einen oder mehrere Suizidversuche hinter sich hatten und 56 % bereits
an Selbstmord gedacht hatten. In der Stichprobe hatten 8,2 % einen oder mehrere
Suizidversuche hinter sich, und 18,1 % hatten ernsthaft an Suizid gedacht,
während 42,5 % an Suizid gedacht hatten, aber nicht ernsthaft.
Mehr als jeder Vierte (25,4 %) hat bereits
fachliche psychologische Hilfe in Anspruch genommen. Bezogen auf alle Befragten
hatten sich 15 % der Teilnehmer wegen Depressionen behandeln lassen, 11 % wegen
Ängsten, 9,3 % nannten familiäre Probleme, 4,8 % nannten Suizidgefahr als
Gründe für die psychologische Behandlung.
Bei einer Studie, für die 2881 Jugendliche an
der University of California befragt wurden, blieb zwar offen, wie viele
Schwule tatsächlich Selbstmord begehen. Erstaunlicherweise war die
Selbstmordrate bzw. das Risiko bei HIV-Positiven nur unwesentlich höher, als
bei HIV negativ getesteten. Ein Grund für das hohe Suizidrisiko schwuler
Jugendlicher scheint zu sein, dass sich die Jugendlichen mit ihrem Coming out
oft zur Zielscheibe für Diskriminierung und Ausgrenzung machen.
Insbesondere haben Wissenschafter Hinweise
darauf gefunden, dass schwule Stadtbewohner eine bis zu dreimal höhere
Wahrscheinlichkeit als die heterosexuelle Vergleichsgruppe aufweisen,
Selbstmord zu begehen oder es bereits versucht zu haben. Einer von fünf
befragten Schwulen sagte bei der Untersuchung, dass er schon einmal so weit
war, Selbstmord zu begehen, 12% haben es sogar schon einmal versucht - davon
die meisten im Alter unter 25 Jahren. Dies unterstreicht, so der Psychologe Jay
Paul, Co-Autor dieser Studie, welchem Druck homosexuelle Menschen vor allem in
Ihrer Jugend ausgesetzt sind.
Auch eine umfangreiche Untersuchung aus dem
Jahr 2004 im deutschsprachigen Raum, bei der 358 schwule, lesbische und
bisexuelle ÖsterreicherInnen von Dr. Martin Plöderl von der Universität
Salzburg im Rahmen seiner Dissertation befragt wurden - der größte Teil davon
in Salzburg, Oberösterreich und der Steiermark - sieht als Hauptursache für
Suizidversuche homosexueller Jugendlicher die geringe soziale Unterstützung -
vor allem auch durch die eigenen Eltern.
Dabei zeigte sich auch, dass homosexuelle
Jugendliche eklatant häufiger depressiv sind, an Selbstmord denken, einen
solchen planen oder eben auch versuchen. Demnach haben 17 Prozent der Lesben
und zwölf Prozent der Schwulen bereits einmal versucht, sich das Leben zu
nehmen. Fast jeder dritte Suizidversuch in Österreich wird von homosexuell orientierten
Menschen begangen.
Bei der sehr vorsichtigen Schätzung, dass
sechs Prozent der Bevölkerung gleichgeschlechtlich veranlagt sind (die Angaben
reichen von fünf bis 15 Prozent), würden 30 Prozent der Suizidversuche auf das
Konto dieser Gruppe gehen, so damals der Studienautor Plöderl. Das heißt, das
Selbstmordrisiko sei etwa sieben Mal so hoch wie bei Heterosexuellen.
Institutionen im Bildungs-,
Gesundheits- und Sozialbereich auf die Bedürfnisse homo- und bisexueller
Menschen besser vorbereiten
Was sind nun die Gründe? Es sind deutlich
mehr Risikofaktoren für Homo- und Bisexuelle festzustellen, ergab die Studie
Plöderls. Sie hätten eine geringere soziale Unterstützung, vor allem durch die
eigenen Eltern: 30 Prozent der Väter und 20 Prozent der Mütter seien zum
Zeitpunkt der Befragung noch immer sehr negativ oder negativ zur Homosexualität
ihres Kindes eingestellt gewesen.
Dazu kämen die schwierige persönliche
Einstellung zur eigenen Homosexualität, Hoffnungslosigkeit, ein geringeres
Selbstwertgefühl und relativ häufige Suizidversuche im Bekanntenkreis als
weitere Risikofaktoren.
Auch die HOSI Linz sieht deutlichen
Handlungsbedarf. Es gelte jetzt, Institutionen im Bildungs-, Gesundheits- und
Sozialbereich auf die Bedürfnisse homo- und bisexueller Menschen besser
vorzubereiten. Gernot Wartner: „Es reicht nicht, ein Partnerschaftsgesetz
einzuführen und zu meinen, jetzt wäre die Welt in Ordnung. Das Bewusstsein in
der gesamten Bevölkerung muss noch verbessert und sensibilisiert werden, erst
dann ist auch in den Familien und in der Schule ein Umdenken möglich. Das fängt
bei den Schulbüchern an, wo noch immer patriarchal-heteronormative Rollenbilder
dargestellt werden, und hört bei der Lehrkräftefortbildung auf. Es geht um die
Frage, ob Homosexuelle beispielsweise beim Blutspenden von ÄrztInnen pauschal
diskriminiert werden. Oder darum, dass es immer noch ÄrztInnen gibt, die
Homosexuelle heilen wollen. Es geht darum, wie homosexuelle Jugendliche in
Jugendzentren aufgenommen werden; ob auf ihre Bedürfnisse Rücksicht genommen
wird und ob es dort Freiräume gibt, in denen sie einen positiven Zugang zu
ihrer Homosexualität entwickeln können. Und, und, und... Da bleibt noch vieles zu
tun. Und vor allem muss die Gesellschaft umgehend auf Homosexuelle hassende
Teenager reagieren, die die Atmosphäre in mancher Schule tagtäglich vergiften.
Hier sind LehrerInnen, Eltern und Politik gefordert."
Für
die HOSI Linz
gez. Gernot Wartner, Vereinssprecher Linz,
den 23.09.2011








