HOSI Linz Presseaussendungen
Homophobia Kills
09.12.2011 14:00
Die HOSI Linz präsentiert
anlässlich des Internationalen Menschenrechtstags einen Videoclip und erinnert
daran, Homophobie eine klare Absage zu erteilen. Mobbing, Diskriminierung,
homophobe Gewalt und daraus resultierende Selbstmorde vor allem homosexueller
Jugendlicher muss energisch entgegengetreten werden. Auch den
PolitikerInnen in Oberösterreich muss klar sein, dass sie eine Verantwortung
für diese Jugendlichen und deren Situation tragen. Akzeptanz in der
Gesellschaft ist auch Folge einer Akzeptanz in der politischen Realität und
Gesetzgebung. Deshalb hofft die HOSI Linz auf eine rasche Umsetzung des Landespartnerschaftsgesetzes.
Wenn am
10. Dezember der Internationale Tag der Menschenrechte begangen wird, können
sich Lesben und Schwule zwar bereits über viele Erfolge hinsichtlich ihrer
rechtlichen und sozialen Gleichstellung freuen, aber dennoch ist Homophobie und
eine daraus resultierende Diskriminierung und Gewalt immer noch Teil der
erlebten Lebensrealität.
„Über die Hälfte lesbischer und schwuler Jugendlicher hat in Befragungen
angegeben, üble Nachrede und Mobbing Gleichaltriger erlebt zu haben. Ebenso
viele sind in der Öffentlichkeit beschimpft worden, knapp ein Drittel in der
Schule. Homosexuelle
Jugendliche sind eklatant häufiger depressiv, denken öfter an Selbstmord,
planen oder versuchen sogar einen solchen. So haben 17 Prozent der Lesben und
zwölf Prozent der Schwulen bereits einmal versucht, sich das Leben zu nehmen.
Fast jeder dritte Suizidversuch in Österreich wird von homosexuell orientierten
Menschen begangen",
berichtet Gernot Wartner, Vereinssprecher der HOSI Linz.
Videoclip „Homophobia
Kills"
Die HOSI Linz stellt
daher anlässlich des Internationalen Menschenrechtstags einen Videoclip
unter dem Titel „Homophobia Kills" vor, der über soziale Netzwerke wie z.B.
Facebook verbreitet werden soll. Produziert wurde der Clip von Robert
Stocker (DJ T.cane) aus persönlicher Betroffenheit. „Die Idee zu ‚Homophobia
Kills‘ hat zwei starke Motivationen. 1. Die immer krasser werdenden
Mobbingattacken im Schutz des anonymen Internets auf vor allem jugendliche
Homosexuelle und Transgender. Mit dem Resultat: Depressionen, Angst und
Selbstmord. Auch ‚Project Homophobia‘ des jungen Linzer Filmemachers Gregor
Schmidinger war für mich ein Beispiel, einen Beitrag leisten zu müssen, wenn
man die Möglichkeit hat. Der zweite Punkt war die aktuelle Lage der HOSI Linz.
Mit dem Video soll natürlich auch darauf hingewiesen werden, an wen sich
Jugendliche und "gemobbte" wenden sollen und können, wenn sie sich
nicht selber zu helfen wissen,- nämlich an die HOSI und ihre MitarbeiterInnen",
so Stocker.
Link zum Video: http://www.youtube.com/watch?feature=player_embedded&v=w9ZzEnzr_kc#!
Robert Stocker, der
seit seinem 6. Lebenjahr Musik macht, arbeitet als Dj in Lech am Arlberg und
Velden am Wörthersee, sowie bei zahlreichen Events und Veranstaltungen.
Außerdem produziert er unter anderem auch mit "GastKünstlerInnen" wie
Nadja abd el Farrag, Stella Jones und Greg Bannis von "Hot Chocolate"
Musik.
„Mit
diesem Clip wollen wir Bewusstsein dafür schaffen, das Homophobie weder im
Internet noch im realen Leben einen Platz haben darf", so Wartner. „Es reicht nicht, ein
Antidiskriminierungsgesetz einzuführen und zu meinen, jetzt wäre die Welt in
Ordnung. Das Bewusstsein in der gesamten Bevölkerung muss noch verbessert und
sensibilisiert werden, erst dann ist auch in den Familien und in der Schule ein
Umdenken möglich. Das fängt bei den Schulbüchern an, wo noch immer
patriarchal-heteronormative Rollenbilder dargestellt werden, und hört bei der
Lehrkräftefortbildung auf. Es geht um die Frage, ob Homosexuelle beispielsweise
beim Blutspenden von ÄrztInnen pauschal diskriminiert werden. Oder darum, dass
es immer noch ÄrztInnen gibt, die Homosexuelle heilen wollen. Es geht darum,
wie homosexuelle Jugendliche in Jugendzentren aufgenommen werden; ob auf ihre
Bedürfnisse Rücksicht genommen wird und ob es dort Freiräume gibt, in denen sie
einen positiven Zugang zu ihrer Homosexualität entwickeln können. Und, und,
und... Da bleibt noch vieles zu tun. Und vor allem muss die Gesellschaft
umgehend auf Homosexuelle hassende Teenager reagieren, die die Atmosphäre in
mancher Schule tagtäglich vergiften. Hier sind LehrerInnen, Eltern und Politik
gefordert."
Die HOSI Linz sieht das Land OÖ daher auch
gefordert, ein deutliches Zeichen zu setzen. Das Landespartnerschaftsgesetz,
das seit Sommer 2010 verhandelt wird, soll ohne Verzögerung beschlossen werden.
„Wir bitten die ÖVP eindringlich, die Blockade gegen eine tatsächliche
Gleichstellung lesbischer und schwuler PartnerInnenschaften endlich aufzugeben.
Nur eine völlige gesetzliche Gleichstellung, wie von SPÖ und Grünen gefordert,
gewährleistet letztlich, dass in der Öffentlichkeit das Signal wahrgenommen
wird, dass Lesben und Schwule keine Menschen zweiter Klasse sind. Der Respekt
vor den Lebensentwürfen homosexueller BürgerInnen, den der Landesgesetzgeber
damit zum Ausdruck bringt, trägt zur Sensibilisierung der Bevölkerung bei und
hilft dadurch besonders auch lesbischen und schwulen Jugendlichen, ihre Sexualität
anzunehmen", so Wartner.
Der Menschenrechtstag erinnert auch daran, dass
strukturelle Diskriminierung, also alle Formen von Diskriminierung
gesellschaftlicher Gruppen, die in der Struktur der Gesamtgesellschaft
begründet liegen, zu bekämpfen, eine wesentliche Aufgabe des modernen
Rechtstaates und der politischen Kräfte sei. „Wenn schon das Land OÖ mit
seiner Gesetzgebung gegen das Diskriminierungsverbot der Oö. Landesverfasssung
zu verstoßen bereit ist, dann darf man sich wohl nicht wundern, wenn Homophobie
und Gewalt gegen Lesben und Schwule zunehmend salonfähig werden. Solange es
auch nur einen homosexuellen Jugendlichen gibt, der wegen Homophobie und
Diskriminierung Selbstmord begeht, wird unser Kampf gegen solche Umstände nicht
aufhören", so Wartner abschließend.
Hintergrund
Am 10. Dezember 1948
verabschiedete die Generalversammlung der Vereinten Nationen im Palais de
Chaillot in Paris die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte. Diese
enthält in 30 Artikeln grundlegende Ansichten über jene Rechte, die jedem
Menschen zustehen, „ohne irgendeinen Unterschied, etwa nach Rasse, Hautfarbe,
Geschlecht, Sprache, Religion, politischer oder sonstiger Überzeugung,
nationaler oder sozialer Herkunft, Vermögen, Geburt oder sonstigem Stand."
Und dennoch: Auch
2011 werden Lesben und Schwule immer noch diskriminiert nur weil sie eine
andere sexuelle Orientierung haben, als die heterosexuelle
Mehrheitsgesellschaft. In einigen Staaten ist die Tötung von Homosexuellen
sogar staatlich organisiert: So werden in den Vereinigten Arabischen Emirate, im
Iran, in Jemen, Saudi Arabien, Mauretanien, im Sudan und in Teilen
Nigerias, homosexuelle Handlungen unter Männern mit dem Tode
bestraft und in zahlreichen Staaten drohen zumindest lebenslängliche Freiheitstrafen.
Je nach Ausprägung reicht Homophobie von Vorurteilen über ausgeprägte
Abneigung und Befürwortung von Diskriminierung oder staatlichen Repressionen
gegen Homosexuelle bis hin zu äußerstem Hass und körperlicher Gewalt gegen
Homosexuelle. Es sind auch Fälle bekannt, in denen Homosexuelle nur wegen ihrer
sexuellen Orientierung ermordet wurden (z.B. der Student Matthew Shepard 1998 in Laramie,
Wyoming).
Während sich das Bild der
Homosexuellen in der Gesellschaft aufgrund der Veränderungen in der Darstellung
in Medien und verschiedener Aufklärungskampagnen, der Visualisierung von
homosexuellen Politikern und homosexuellen Menschen/Paaren im Alltags- und
Berufsleben sowie der geänderten Gesetzeslage und Rechtsprechung zuletzt
deutlich verbessert hat, nimmt Homophobie unter Jugendlichen immer stärker zu.
Eine repräsentative mündliche
Befragung des Marktforschungsinstituts iconkids & youth bei 669 12- bis
17-jährigen Jugendlichen im Jahr 2002 ergab: 61% der deutschen Jugendlichen
haben gegenüber „Schwulen" und „Lesben" eine negative Einstellung, finden sie
„nicht" oder „überhaupt nicht gut". Die Befragung zeigte auch: Mädchen sind
toleranter als Jungen. Während 71 % der Jungen offen ihre negative Einstellung
zu „Schwulen" bekannten, äußerten lediglich 51 % der Mädchen Vorbehalte gegen
Homosexuelle.
So gaben in einer Studie der
Barna Group, eines christlichen Meinungsforschungsinstituts aus den Vereinigten
Staaten, über die Meinung von Jugendlichen und jungen Erwachsenen im Alter von
16 bis 29 Jahren 91 % der Nicht-Christen und 80 % der Kirchgänger an,
dass anti-homosexuell die diesbezügliche Einstellung des Christentums
gut beschreibe.
Laut der oben erwähnten Studie
von iconkids & youth wuchs die Ablehnung von Homosexuellen unter
Jugendlichen in den letzten Jahren.
Lesbische und
schwule Jugendliche sind Opfer von Mobbing und Gewalt in Familie, Schule und
der Öffentlichkeit.
Über die Hälfte hat üble
Nachrede und Mobbing Gleichaltriger erlebt. Eine Studie des Niedersächsischen
Ministeriums für Frauen, Arbeit und Soziales ergab 2001, dass etwa vier
von zehn Befragten berichteten, dass sich Freunde zurückgezogen haben. Ebenso
viele sind in der Öffentlichkeit beschimpft worden, knapp ein Drittel in der
Schule. Häufig erleben SchülerInnen, dass Lesben und Schwule zu Zielscheiben
von Witzen und Verachtung werden, ohne dass Lehrkräfte darauf angemessen
reagieren.
So verteidigen nur etwa 18%
der Lehrkräfte Lesben/Schwule im Unterricht, über 27% jedoch lachen mit oder
stimmen homophoben Äußerungen zu.
Körperliche Gewalt aufgrund
der sexuellen Identität haben bereits 7% der lesbischen und schwulen
Jugendlichen in der Schule erfahren und 5,7% in der Öffentlichkeit. Körperliche
Gewalt im Elternhaus erleiden aufgrund Ihrer Homosexualität 1,5% der
Jugendlichen.
Die Zahlen verdeutlichen:
Homophobe Gewalt ist allgegenwärtig und spielt sich überwiegend auf der
verbalen, psychischen Ebene ab. In der Mehrzahl der Fälle erleben die
Jugendlichen die beschriebene Gewalt nicht einmalig, sondern mehrfach.
Lesbische und
schwule Jugendliche haben eine vier- bis siebenmal höhere Suizidrate
Das Suizidrisiko von Lesben
und Schwulen zwischen 12 und 25 Jahren ist vier- bis siebenmal höher, als das
von Jugendlichen im Allgemeinen. Deutlich ansteigend ist das Suizidrisiko, je
jünger die Jugendlichen bei ihrem Coming Out sind.
Laut der Studie des Berliner
Senats „Sie liebt sie. Er liebt ihn." haben sechs von zehn Befragten schon
einmal daran gedacht, ihrem Leben ein Ende zu setzen, die Mädchen etwas häufiger
als die Jungen. 18% haben bereits einen oder mehrere Suizidversuche hinter
sich. Die Erfahrung zeigt, dass das Risiko eines späteren Suizides mit der
Anzahl vorausgegangener Suizidversuche steigt.
Auch eine umfangreiche Untersuchung aus dem Jahr 2004 im
deutschsprachigen Raum, bei der 358 schwule, lesbische und bisexuelle
ÖsterreicherInnen von Dr. Martin Plöderl von der Universität Salzburg im Rahmen
seiner Dissertation befragt wurden - der größte Teil davon in Salzburg,
Oberösterreich und der Steiermark - sieht als Hauptursache für Suizidversuche
homosexueller Jugendlicher die geringe soziale Unterstützung - vor allem auch
durch die eigenen Eltern.
Dabei zeigte sich auch, dass homosexuelle Jugendliche
eklatant häufiger depressiv sind, an Selbstmord denken, einen solchen planen
oder eben auch versuchen. Demnach haben 17 Prozent der Lesben und zwölf Prozent
der Schwulen bereits einmal versucht, sich das Leben zu nehmen. Fast jeder
dritte Suizidversuch in Österreich wird von homosexuell orientierten Menschen
begangen.
Bei der sehr vorsichtigen Schätzung, dass sechs Prozent
der Bevölkerung gleichgeschlechtlich veranlagt sind (die Angaben reichen von
fünf bis 15 Prozent), würden 30 Prozent der Suizidversuche auf das Konto dieser
Gruppe gehen, so der Studienautor Plöderl. Das heißt, das Selbstmordrisiko sei
etwa sieben Mal so hoch wie bei Heterosexuellen.
Gefährdet sind vor allem jene homosexuelle Jugendliche, die
- in der Familie unerwünscht und ungewollt, emotional vernachlässigt sind,
- abgelehnt oder überfordert sind,
- in einer ständig gespannten Familienatmosphäre aufwachsen,
- Gewalterfahrungen (physisch und/oder psychisch) machen,
- schwere Verluste, Trennungen und Brüche erfahren haben,
- ein problematisches Coming out haben.
Insbesondere die männlichen Jugendlichen
leiden unter der Angst oder der Erkenntnis schwul zu sein. Viele homosexuelle
Jugendliche erzählten nach einem Suizidversuch, sie hätten Ihre Eltern von der
Schande erlösen wollen, ein homosexuelles Kind zu haben.
Nicht die Homosexualität an sich
führt dazu, suizidal zu werden, sondern die eigenen (berechtigten) Ängste,
Erfahrungen mit den Reaktionen des Umfeldes (Elternhaus, Gleichaltrige, Schule)
und die gesellschaftliche Bewertung. Je geringer die Akzeptanz und soziale
Einbindung, desto größer der Selbstzweifel und desto tiefgreifender
möglicherweise die Krise. Insgesamt sind es die lang andauernden
Belastungsfaktoren, die das Lebensgefühl der suizidgefährdeten jungen Menschen
bestimmen.
Über ihre Homosexualität
sprechen suizidgefährdete Jugendliche in Beratungsstellen, mit
VertrauenslehrerInnen etc. in der Regel nicht oder erst viel später oder nur
auf Nachfrage, weil sie sich der Einstellung der BeraterInnen/LehrerInnen..., zu
diesem Thema nicht sicher sind. Die Jugendlichen sind somit häufig ganz auf
sich allein gestellt.
Strukturelle
Diskriminierung als Ursache von heteronormativer Diskriminierung
Als
Strukturelle Diskriminierung werden die Formen von Diskriminierung
gesellschaftlicher Gruppen, die in der Beschaffenheit der Struktur der Gesamtgesellschaft
immanent begründet liegen, bezeichnet. Das Gegenstück zu Struktureller
Diskriminierung stellt die Interaktionelle Diskriminierung dar.
Ausgangspunkt
sind Normen und Regeln, die für alle Gesellschaftsteile gleichermaßen gelten.
Sie ziehen strukturelle Diskriminierung nach sich, wenn durch ihre Anwendung in
Form von Haltungen oder Handlungen gesellschaftliche Teilgruppen gravierender
Ungleichbehandlung ausgesetzt sind. Die Psychologin Ute Osterkamp stellt
beispielsweise für den Rassismus fest, „dass rassistische Denk- und
Handlungsweisen nicht Sache der persönlichen Einstellungen von Individuen,
sondern in der Organisation des gesellschaftlichen Miteinanders verortet sind,
welche die Angehörigen der eigenen Gruppe systematisch gegenüber den
Nicht-Dazugehörigen privilegieren." Strukturelle Diskriminierung beruht
auf eingespielten und dauerhaften, oft formalisierten und explizit geregelten
institutionellen Praktiken.
Strukturelle
Diskriminierung trifft etwa in einer patriarchal strukturierten Gesellschaft
vor allem Frauen (Sexismus) und in einer heteronormativen Gesellschaft vor
allem Schwule, Lesben und Transgender (Heterosexismus). Strukturelle
Diskriminierung kann auch eine der Ursachen für Rassismus und
Behindertenfeindlichkeit sein.
Für die
HOSI Linz
gez.
Gernot Wartner, Vereinssprecher Linz, den
09.12.2011








